Donnerstag, 30. März 2017
Ob sowas anderen auch durch den Kopf geht?
Mein fünfundreißigster Geburtstag rückt unaufhaltsam näher und meine Panik, nichts erreicht zu haben, steigt, während meine lebenswerte Zeit und das, was man noch im entferntesten als Jugend bezeichnen kann, bald offiziell abläuft. (Eine Möglichkeit, dies zu verhindern wäre es, diese Ansicht zu ändern.) Ich lese vom Geist des Kaizen: Jeden Tag kleine Schritte machen, die über längere Zeit hinweg zu großen Veränderungen führen. In Teilen meines Lebens tue ich das, aber in anderen gleicht es einer Müllhalde. Seit ich von zuhause aus- und ins selbstständige Leben eingezogen bin, will ich alles schaffen und das sofort und leide unter enormem Stress, ohne viel dabei zu erreichen. Es steht der Stress, den ich gehabt habe, in keinem Verhältnis zu dem wenigen, das ich erreicht habe. So gesehen könnte ich ja jetzt, mit 34, endlich aufhören, nach dieser Methode zu leben und endlich etwas tun, was wirklich funktioniert, nämlich täglich viele kleine Schritte zu machen hin zu den Zielen, die ich erreichen will. Selbst wenn ich nicht richtig weiß, was ich will, kann ich doch immer wieder ein bisschen was unternehmen, um es herauszufinden. Das kann mir keiner nehmen.

Das wird besser funktionieren und meine Freude am Leben wieder erwecken. Tatsächlich habe ich durch kleine Schritte in letzter Zeit viel erreicht. Durch das tägliche Anhören französischer Podcasts habe ich mein Französisch ein wenig verbessert, auf die gleiche Weise auch mein Spanisch. Ich habe mir neue Vorhänge gebastelt und schlafe ein wenig besser, weil jetzt endlich kaum mehr Tageslicht bei Sonnenaufgang in mein Zimmer fällt. Ich habe zwei Abonnementzahlungen gekündigt, die ich nicht mehr wirklich brauchte und mich bei einer anderen Gruppe Gleichgesinnter eingeschrieben, von der ich mir viel verspreche. Ich habe viel Energie in mir zum Fließen gebracht und Blockaden gelöst durch Schreiben und Selbsthilfetechniken, usw. usf. Es würde mir nicht schaden, öfter in Dankbarkeit an all das zu denken, was ich habe, denn das tut mir gut und ist wichtig, um im Auge zu behalten, was in einem Leben wirklich wichtig ist.

Meine Ruhelosigkeit kommt aus meinem Inneren. Ich bin eigentlich die meiste Zeit unglücklich, ob latent oder akut. Dauernd will ich an einen anderen Ort als an dem zu sein, wo ich bin. Ist das Wetter warm, fühle ich mich beengt und will es kühler. Ist es kühl und bewölkt, bin ich deprimiert und verärgert über die Zumutung, in so einem Klima leben zu müssen. Ich kann mich nicht für ein Land entscheiden, in dem ich leben will und auch nicht dafür, hier zu blieben der fortzugehen. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich mich mit einer gewissen Person treffen soll, denn ich will sie weder wiedersehen noch sie aus meinem Leben verbannen. Nur in verstreuten, meist kurzen Szenen meines Lebens war ich glücklich. Vielleicht habe ich noch nicht die Menschen und Orte gefunden habe, an und mit denen ich glücklich sein kann. Aber ich merke doch, dass etwas in mir sich gegen längeres Glücklichsein wehrt. Es will es einfach nicht! Unter welchen Umständen auch immer, ich kann immer und überall unzufrieden sein und mich an den einen magischen Ort wünschen, an dem ich Geborgenheit und Freiheit spüre und es gut aushalte, zur Ruhe zu kommen. Den aber finde ich nie, und ich will nicht ewig weitersuchen. Er ist nicht da draußen. Ich will die Handlungsquelle dieses Trauerspiels meines Lebens, dieses Bündel des Unglücks entpacken und auflösen und der Geschichte eine unerwartete Wendung zum Besseren geben.

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Montag, 20. März 2017
Aufgabe erledigt
Dies ist mein letzter Beitrag in meinem etwas über einwöchigen Experiment, in dem ich ein paar Blogeinträge schreiben wollte, um mal zu sehen, ob mir das überhaupt Spaß macht. Ob das die Richtung ist, in die ich weitergehen will mit meiner Schreiberei.
Mein Fazit: Ich habe gerne diese eine Geschichte (zweiter Beitrag) geschrieben, aber jedes Mal beim Schreiben, und auch jetzt schon wieder ein bisschen, bekam ich so ein Beklemmungsgefühl. Das heißt doch, dass irgendwas nicht stimmt. Dass das nicht meins ist. Jetzt ist es aber grade nicht so schlimm. Ich schließe aus dieser Erfahrung nicht, dass das Schreiben an sich nicht das Richtige für mich ist, aber irgendwas ist an dem Prozess meines Schreibens falsch. Ich muss mit dem, was in mir ist, durch einen Prozess gehen, ich kann es nicht einfach auskotzen, sondern muss erstmal den Wasserhahn aufdrehen und den Dreck rauslassen, und dann das, was da aus mir rauswill, durch den Fleischwolf der Kunst drehen. Na, das was jetzt aber eine beschissene Metapher.

Soll heißen, ich kann oder sollte nicht einfach so wie jetzt drauf los schreiben, weil das irgendwie nichts zu bieten hat. Es ist keine Kunst, es ist gar nichts. Oder? Ich selber lese ja gerne die Tagebucheinträge anderer Leute, auch wenn sie nur davon schreiben, wie scheiße ihr Leben ist. Eigentlich freue ich mich über solche Einblicke, weil im realen Leben die Menschen so wenig darüber verraten, wie es ihnen wirklich geht.
Ich aber habe ein Problem damit, hier so einfach reinzuschreiben, was mir durch den Kopf geht, weil ich im Internet nicht anonym bin.

Ich frage mich halt, wo ich die Grenze ziehe beim Schreiben. Einerseits schreibe ich in mein Tagebuch, in das aus Papier, und da darf alles rein, denn es ist schließlich dafür da und außerdem aus Papier, das beruhigt mich irgendwie, weil es mich nicht ausspionieren kann.

Und da sind die kleinen Geschichten, die ich schreibe. Online und immer noch vor allem auf Papier. Ich frage mich, wohin das führen soll. Soll ich nicht noch mal versuchen, so etwas bei einem Literaturwettbewerb einzureichen? Bisher habe ich das schon zwei- oder dreimal gemacht, mit echt schlechten Sachen. Aber ich will mich nicht so hart beurteilen. Es waren meine ersten Versuche, und ich konnte keine Geschichten erzählen. Ich habe irgendwo gelesen, dass es ein Zeichen psychischer Wunden ist, wenn man keine Geschichten erzählen kann. Dann ist es ein gutes Zeichen, dass ich mir jetzt schon kleine Geschichten ausdenken kann, und dass es mir sogar Spaß macht. Das ist doch ein Heilungsprozess, oder nicht? Vielleicht ist das der Weg, den ich weitergehen sollte? Klingt gut und fühlt sich auch nicht so schlecht an. Ich glaube es zwar nicht, aber ich kann ja nicht sicher wissen, ob eine weitergehende innere Heilung nicht zur Folge haben wird, dass ich mir ganze Bücher ausdenken kann! Hoffentlich gute, denn ein schlechtes Buch zu schreiben ist ja hauptsächlich ein Resultat von Durchhaltefähigkeit und falscher Selbsteinschätzung.

Vielleicht lerne ich im Laufe der Zeit ja auch, weniger verschwurbelte Sätze zu schreiben. Obwohl, das Verschwurbelte, das gehört doch irgendwie zu mir. Selbst wenn ich rede, gelingt es mir meistens nicht - außer ich versuche es nicht bewusst - den geraden Pfad zu dem zu nehmen, was ich sagen will. Meistens mache ich Umwege durch ein mit Dornen bewachsenes, verwildertes Labyrinth. Und dann muss ich mich durchschlagen mit einem scharfen Schwert, wie der Prinz in "Dornröschen". Meistens ist es aber so, dass ich halt einfach den langen Weg gehe und mich die anderen dann nicht verstehen. Dann stammle ich herum und muss nach einer geraderen Formulierung suchen und alles noch einmal erklären, manchmal auch ein drittes Mal.

Wo war ich stehengeblieben? Ich wollte eigentlich über die verschiedenen Arten des Schreibens rede, die ich so betreibe. Beim Schreiben geht es mir einerseits um die Selbstreinigung, andererseits darum, Selbsterkenntnis zu erlangen und mich zu verändern, indem ich aufschreibe, was in mir vorgeht und im Schreiben in unbetretene Bereiche in mir vordringe. Die dritte, für mich neueste Art des Schreibens, ist das Geschichtenschreiben, das Abenteuer oder die Plagerei, mir eine Geschichte auszudenken und aufzuschreiben, was mir gerade so in die Feder rinnt. Das ist eigentlich am aufregendsten. Ich glaube, die Selbsterkenntnis und das Auskotzen ist nur für mich wichtig, und auch keine Leistung irgendwie. Das mache ich schon seit Jahrzehnten, und das meiste Tagebuchhafte, das ich geschrieben habe, ist für andere Menschen unzumutbar und uninteressant. Eigentlich ist es sogar uninteressant, wenn ich es anderen Menschen erzähle, weil ich irgendwie so ander Referenzpunkte als die meisten anderen habe, sodass sie nicht verstehen, wieso ich ihnen was auch immer erzähle. Nur manchmal finde ich Menschen, die auch so "innerlich" sind, "innenorientiert", deren Welt sich vor allem innen abspielt. So, dass man eben viel darüber zu sagen hat, wenn man jemandem gegenübersitzt, der das versteht. Dann unterhalten wir uns ganz wunderbar.

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Montag, 13. März 2017
Untergehen oder springen
Der alte Trainer rutschte unbehaglich auf seinem Sitz hin und her, ohne etwas zu erwidern. Es stand ihm der Sinn nach Veränderung, doch er wusste nicht genau, wie er das sagen, es ausdrücke sollte, ohne seinen Schützling zu verletzen. Dessen Karriere war zwar nicht garantiert, aber er war sehr talentiert, sodass er auch einen anderen Trainer finden und mit ihm den Zenit erreichen konnte. Doch was war mit seiner Frau? Er konnte es seiner Frau nicht sagen, weil er noch nicht wusste, was "es" war. Ja, er wünschte sich eine Veränderung herbei, wusste aber nicht, welche. Er wusste nicht, was da in ihm am Wachsen war und er konnte auch nicht feststellen, ob er einen konkreten Bereich seines Lebens neu beackern wollte oder ob "es" nicht eher ein Erdbeben war, das im Untergrund seines Lebens stattfand und eine solche Verwandlung mit sich brachte, dass er sich danach nicht mehr wiedererkennen würde. Wenn diese Welle ihn schon überrollen würde, dann wünschte er sich, dass es ohne Vorwarnung geschehen möge und ihn vor vollendete Tatsachen stellen würde. Der Gedanke daran, dass es ihm bestimmt war, eine große Transformation in seinem Leben zu durchlaufen, die bitter nötig war, doch die er durch radikale Schritte selbst einleiten müsste, war eine Qual für ihn. Dass diese Wagnis seine ihm bestimmte Aufgabe war, und dass er nie wieder glücklich sein, sich nie wieder so erfüllt wie jetzt fühlen würde, wenn er diesen notwendigen Reifungsprozess nicht mitmachte. Er kannte sich und wusste, dass er sich mit aller Kraft der Veränderung entgegenstemmen würde, auch um den Preis seines Glücks. Er hatte eine große Angst vor solchen Sprungbrettern, weil alle umbruchartigen Änderungen in seinem Leben zu einem totalen Kontrollverlust geführt und oft zu viel Leid und Schmerz, wenn auch mancher Freude geführt hatten. Deswegen wollte er, wenn es sein musste, davon überrollt werden und sich nicht auch noch "freiwillig" dafür entscheiden müssen, der Überrollung zuzustimmen oder nie wieder glücklich zu sein. Hätte er die Wahl, würde er für nein stimmen und sich selber zerstören, innerlich aufbrauchen und sterben, alles, aber nur nicht den Boden unter den Füßen weggezogen bekommen. Lieber verrottete und verging er in der ihm bekannten Misere, denn wenn sie auch immer schlimmer wurde, so war es doch nur eine Steigerung des ihm Bekannten, und das gab ihm Sicherheit.

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